Deutsches Stuhlbaumuseum Rabenau/Sachsen
Deutsches Stuhlbaumuseum Rabenau/Sachsen
Deutsches Stuhlbaumuseum Rabenau/Sachsen

Ja, wie sitzen Sie denn?

(SZ vom 02. Juni 2010)

Einst Machtgestus, heute Banalität:
Das Rabenauer Museum widmet sich der Ergonomie des Sitzens

Von Jörg Stock

Sitzend herrscht sich´s besser. Ob Rabenaus Bürgermeister Thomas Paul das unterschreiben würde? Zumindest ist er mit gezücktem Stift neben diesem Schlagwort abgebildet, hinterm Schreibtisch – natürlich sitzend.
Wie sitzen wir heute? Wie saßen wir gestern? Sitzen wir zu viel? Ist sitzen Genuss oder Disziplinarmaßnahme? Antworten auf diese Fragen will das Deutsche Stuhlbaumuseum mit einer neuen Sonderausstellung liefern. Die Schau mit dem Titel „Ergonomie des Sitzens“ öffnet am 11. Juni anlässlich des 2. Deutschen Stuhlbauertags im Rahmen der 775-Jahr-Feier von Rabenau.
Ergonomie? Das klingt nach Rückenschule. Museumschef Johann Spensberger zerstreut die Skepsis. Das Thema ist ungeheuer vielschichtig, sagt er. Und überhaupt: Möglichst gute und gesunde Sitzmöbel zu schaffen, war ja immer Antrieb der Stuhlbauer. „Eigentlich muss man sich wundern, wieso die Ausstellung erst jetzt kommt.“
Noch kann der Museumschef nur einige der Exponate vorführen. Die Ausstellung ist noch im Aufbau. Grade wird im Vorraum eine üppige Vitrine montiert. Darin soll ein Thron stehen, sagt Spensberger. Auch wenn heute niemand mehr daran denkt: Der Alltagsstuhl ist Nachfahre geweihter Sitzgelegenheiten von Herrschern, die popularisierte Version eines archaischen Machtinstruments.

Gäste beurteilen Sitzkomfort
Die Ausstellung beleuchtet ein wenig von der Kulturgeschichte des Sitzens und zeigt, wie man auf Rabenauer Stühlen unterschiedlicher Epochen sitzt. Natürlich spielen auch medizinische Aspekte eine Rolle. Wie reagiert der Körper des „Homo sedens“, des Menschen der Sitzgesellschaft, auf die dauernde Stuhlnutzung? Dazu hat das Museum extra ein Skelett aus einer Reha-Klinik besorgt. „Der Lerneffekt dürfte nicht unerheblich sein“, meint Johann Spensberger mit süffisanter Miene.
Ob die Gäste gleich die abgebildeten Entspannungsübungen für Büroarbeiter ausprobieren? Jedenfalls sollen sie Probe sitzen. Dazu wird eine Parade verschiedener Sitzgelegenheiten zum Test aufgereiht – vom hochgezüchteten Bürostuhl bis zum knautschigen Sitzsack aus dem Jugendzimmer. Wie man sich auf den Exponaten fühlt, sollen die Besucher gleich auf großen Papierbahnen notieren.
Johann Spensberger ist gespannt, wie sein eigener Lieblingsstuhl abschneidet, den er zum Test beigesteuert hat. Nein, es ist nicht der Bürosessel des früheren Firmenchefs, sondern ein Ex-Küchenstuhl aus seinem Rabenauer Heim, ein weißer Kunststoffhocker, hergestellt in den 1970er-Jahren im DDR-Synthesewerk Schwarzheide.
Wie Sitz-Arbeit in der ergonomischen Moderne aussehen kann, besichtigen die Besucher zum Schluss der Schau an einem Näharbeitsplatz, entworfen von einem Ingenieurbüro. Zur Eröffnung soll daran sogar Personal des benachbarten Polstermöbelwerks zugange sein. Johann Spensberger weiß, dass die Ausstellung nur Schlaglichter auf die Sitzgesellschaft wirft. Das Fazit scheint aber – trotz aller Bemühungen der Stuhlbauerzunft – unausweichlich: Der Mensch ist nicht zum Sitzen geschaffen.

Lindenstraße 2 · 01734 Rabenau · Tel. 0351/6413611 · Fax 0351/65260611 ·
Di-Do 10-16 Uhr, Fr 10-14 Uhr, Sonn- u. Feiertags 13-17 Uhr geöffnet o. nach Voranmeldung Tel. 0351/ 6413611 o. 649820